John Irving - Until I Find You

Ein dicker Wälzer, der mich vor dem Kauf wohl fast zwei Monate lang bei der Thalia angelacht hat. Zwei andere Bücher und zwei darauf folgende Wochen Bedenkzeit später habe ich zugeschlagen und Until I Find You.

Erschreckend sind auch die Rezensionen auf www.amazon.de - die  Besprechung zerreist es und der einzige private Kommentar  deutet an, dass man dieses Buch lieben oder hassen wird.

Der Plot in wenigen Worten: Jack Burns, ist der uneheliche Sohn des Organisten William Burns und  seiner Schülerin Alice.  Als William seinen Verpflichtungen zu entfliehen versucht, folgen Jack und seine Mutter ihm nach Europa. In den großen Hafenstädten der Nordsee, lernt Alice das Tattowier Handwerk und wird zu Daughter Alice. Die Suche nach Jacks Vater ist wenig erfolgreich, er scheint immer einen Schritt voraus zu sein. Letztlich kehren Jack und Alice nach Kanada zurück. Nach einer Jugend voller Wirrungen und dem Aufstieg als Schauspieler in Hollywood, unternimmt Jack 30 Jahre später eine zweite Reise auf der Suche nach seinem Vater.

Die erste Hälfte, die Suche von Jack und seiner Mutter, nach William Burns in Europa, gefällt. Die Charaktere aus dem Tättowier-Millieu der 60er/70er sind wirklich bunt und witzig, auch wenn die Handlungsabläufe mit der Jagd von Stadt zu Stadt zunächst etwas gleichartig scheinen.

Etwas seltsam wird das ganze dann mit der Rückkehr von Jack nach Kanada und dem Anfang seiner Schullaufbahn. Zum Teil fragte ich mich schon, dass kann doch jetzt nicht wirklich der ernst gemeint sein von John Irving... Die Charaktere drehen etwas ab und werden zu Karikaturen, sind oft nur noch bedingt sympathisch und oft einfach nur bemitleidenswert, dennoch bleibt es auch in diesen Phasen spannend, weniger aus der aktuellen Situation oder den Wendungen in der Geschichte heraus als vielmehr durch die Wiederaufnahme der Haupthandlung, der Suche nach William Burns.

Das Ende des Buches fand ich wieder hochgradig spannend und auch sehr interessant in der Entwicklung der Charaktere und der Aufarbeitung der ersten Kapitel, die zunächst der Wahrnehmung des vierjährigen Jack Burns entsprachen. In einer zweiten Reise nach Europa und durch die Stationen seiner Kindheit erfahren Jack und der Leser dann die objektive Version der Ereignisse, und die Wahrheit über William Burns und Daughter Alice.

Und was bleibt als Fazit? Starke Charaktere mit detailliert beschriebenen Leidenswegen, die oft schon als traumatisiert bezeichnet werden müssen. John Irving sammelt in Until I Find You eine Art Freak Show der zwar nach außen hin funktionierenden aber unstabilen und innerlcih wenn nicht vollständig gebrochenen, dann doch zumindest  psychisch und oft auch körperlich angeschlagenen Menschen und ihres emitonalen Demoliton Derbys.

Selbst mit zwei bis drei Wochen Abstand, beschäftigt mich Until I Find You weiterhin und die Frage der Botschaft (wenn denn wirklich sowas immer vorliegen soll und muss) bleibt zu großen Teilen fraglich. Platt formuliert könnte man sagen, "am Ende wird alles gut" oder "es küt wie et küt". Dennoch hat die Geschichte, die John Irving vorlegt, viele Aspekte und Facetten, die solche einfachen Aussagen nicht abbilden.

Am Ende ist Until I Find You die Geschichte von Jack Burns, wie er zu dem (gemacht) wird was er ist  und der lange und langsame Weg der Aufarbeitung, sich mit seinem Leben auseinanderzusetzen und zu verstehen, welchen Einfluss die Abwesenheit seines Vaters auf sein Leben und seine Entwicklung hatte und die Erkenntnis, das unsere Wahrnehmung beeiflussbar ist und es leicht ist das objektive Geschehen in ein subjektives Licht zu rücken; das Liebe blind machen kann und Menschen veranlasst ohne Rücksicht auf Verlust zu agieren; das man am Ende verstehen muss und verzeihen sollte.


Sollte man dieses Buch lesen? Pauschal ja sagen möchte ich nicht, ich mag es, kann mir jedoch gut vorstellen, dass viele Leute es nach einer Zeit bei Seite legen, da es doch sehr aufwühlend sein kann.